Die Schöpfung
Joseph Haydn

Interpretiert von Reinhard Schulz

Entstehung und Kompositionsabsicht
Haydns "Schöpfung" ist eines jener Musikwerke, die im brieten Allgemeinverständnis als musikalische Gipfelleistung schlechthin gelten. Neben höchstem kompositorischem Stand ist Werken dieser Art in der Regel die Verwendung von Sprache und die Aufbietung aller musikalischen Mitteln gemeinsam, also eine Gewalt, die durch Masse wirkt. Beethovens Neunte Symphonie, Mozarts Requiem, Bachs Matthäus-Passion, nicht zuletzt Händels Messias zählen zu diesen alles überragenden Kompositionen. Die Werke von Händel waren es denn auch, die bei Haydn den Gedanken an eine Oratoriumskomposition aufkeimen ließen. Haydn war während seiner beiden Englandaufenthalte (1790 - 92 und 1794/95) als unumstrittener Meister der Symphonie und des Streichquartetts in aller Munde. Doch als er im Jahr 1791 in Londoneiner großen Händel-Feier beiwohnte, muss er erkannt haben, we4lche Wirkungen eine Musik haben kann, die weit über den damals begrenzten Rahmen symphonischer Darbietungsformen hinausreicht: Tausende wurden entflammt; die Grenzpfeiler, mit denen "Kenner und Liebhaber" sich sonst von der Menge abzuschotten pflegten, galten hier nicht mehr. Diese weitreichenden Möglichkeiten, die die in englischer Sprache komponierten Händelschen Oratorien eröffneten, dürften Haydn bewogen haben, dieser Musik ein deutschsprachige Pendant gegenüber zustellen. Offensichtlich aber hatte Haydn noch Hemmungen, benötigte doch diese Art der Komposition eine grundlegend andere Technik, als die bei den "absoluten" Musikwerken Symphonie oder Streichquartett erforderliche. Es bedurfte noch weiterer Anstöße von außen. Die aber erhielt Haydn auf seiner zweiten Englandreise durch den Konzertveranstalter Johann Peter Salomon, dem er freundschaftlich verbunden war. Salomon trat an Haydn mit dem Wusch heran, ein Oratorium zu schreiben - und er hatte auch schon das Libretto dazu parat. Es war die Schöpfungsgeschichte, die ein gewisser Lidley oder Linley (der Name wird heute angezweifelt) aus dem zweiten Teil von John Miltons Religionsepos "Paradise Lost" - vielleicht sogar für Händel - angefertigt hatte. Doch Haydn, der nur recht mäßig die englische Sprache beherrschte, lehnte mit dem Hinweis auf diese mangelnde Fähigkeiten ab - vermutlich hatte er auch gar nicht die Absicht, die von Händel geprägte englische Oratorientradition fortzusetzen. Spätestens seit Mozarts Zauberflöte stand ja die deutsche Sprache gleichberechtigt für Librettotexte zur Verfügung. Trotzdem versäumte Haydn es nicht, die englische Textvorlage mit nach Wien zu nehmen. Über den weiteren Verlauf der Dinge berichtet Albert Christoph Dies, der dem alten und kranken Haydn etliche besuche abstattet, um biografische Notizen zu sammeln: "Haydn erinnerte sich erst wieder des englischen Textes, als kurz nach seiner Ankunft in Wien der Freiherr van Swieten zu ihm sagte: 'Haydn, wir möchten doch noch ein Oratorium von Ihnen hören.' Er belehrte den Freiherrn über die Lage der Sache und zeigte ihm den englischen Text. Swieten erbot sich, eine abgekürzte deutsche freie Übersetzung davon zu machen, die er auch, wie sie einmal fertig war, so zu erheben wusste, dass unserem Haydn keine Wahl mehr übrig blieb und er sich ernsthaft vornahm, den deutschen Text zu bearbeiten."
Wie ernsthaft Haydn die neue Aufgabe anging, beweisen Kompositionen, die der Arbeit an der "Schöpfung" vorausgingen und die trotz ihrer Vollkommenheit als Studien für das Oratorium anzusehen sind. ZU nennen sind die "Paukenmesse" (17965), die "Heiligenmesse" (1796/97), die komische Kantate "Die Erwählung eines Kapellmeisters" und schließlich die Umarbeitung der "Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuze" (die in Fassungen für Orchester sowie für Streichquartett vorlagen) zu einer Vokalkomposition für Soli, Chor und Orchester. Die charakterlich weit divergierenden Werke formten so in großem Masse die Palette stilistischer Mittel, die Haydn dann bei der Arbeit an der "Schöpfung" zur Verfügung hatte.
Wohl schon 1796 begann Haydn mit den ersten Kompositionsskizzen, das ganze darauffolgende Jahr war er voll von der Komposition in Anspruch genommen, und am 06. April 1798 konnte er Fürst Joseph zu Schwarzenberg die Fertigstellung seines Oratoriums melden. Für den 29. und 30. April wurden die ersten Aufführungen der "Schöpfung" festgesetzt. Der Andrang zum Schwarzenberg Palais war beispiellos, der Erfolg überwältigend. Vier Jahre später widmete Carl Friedrich Zelter, der Berliner Liederkomponist und Freund Goethes, dem Werk eine umfangreiche Rezension, die bis heute an Genauigkeit und Tiefe beispielgebend geblieben ist. Zelter hielt die Einleitung für das Bedeutendste: "die Krone auf einem königlichen Haupte. Sie ist die Vorstellung des Chaos genannt. Es sind hier fast alle gangbaren Instrumente als Stoff und Materialien beisammen, woraus ein ungeheures, fast unübersehbares Gewebe von Herrlichkeiten der Kunst zusammengesetzt und geordnet worden ist." Dass gerade diese Einleitung als revolutionär empfunden wurde - aus vielen Skizzen geht hervor, wie Haydn hier um die Form gerungen hat -, beweist u.a. eine anfängliche massive Ablehnung mit dem Argument, das Chaos sei an sich musikalisch nicht schilderbar. Doch schon zur Zeit der Kritik Zelters hatte Haydns "Schöpfung" eine Vielzahl von Aufführungen in ganz Europa erlebt; es dauerte nicht lange, bis die Ausnahmestellung des Werkes voll gewürdigt wurde.

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Kompositionstechnik und Charakteristika
Sollte man das Neuartige der "Schöpfung" benennen, so müsste die gesteigerte Subjektivität der Darstellung als ganz wesentlicher Punkt angeführt werden. Zentral ist das Moment des Beschauens, des Miterlebens. Natürlich bleibt durch die Verwendung von Bibeltexten, die in früheren Oratorien einem unpersönlichen "testo" (Erzähler, im Neuen Testament auch Evangelist) überlassen wurden, die kirchlich sanktionierte Objektivität weitgehend bewahrt. Aber die hier Erzählenden,  also die Engel Raphael, Uriel und Gabriel, sind zugleich die Miterlebenden der Weltschöpfung. So dringt eine subjektiv anteilnehmende, staunende, freudige oder bewundernde Komponente in den Vordergrund. Es wird selbst erlebt. Dadurch tritt zum Bibelwort gleichzeitig eine Sinnlichkeit der Erfahrung, die in dieser Art bei vergleichbaren Stoffen noch nicht bekannt war. Die Sinnlichkeit steigert sich im dritten, Adam und Eva vorbehaltenen Teil zum direkten Erleben der Natur und des Partners. Die verwendete Zeitform deutet diese Verschiebung an: Fand in den ersten beiden Teilen ein Wechsel zwischen Vergangenheit (beim bibelgemäßen Bericht) und Gegenwart (bei der Betrachtung durch die Engel) statt, so ist der dritte Teil rein gegenwärtig, sogar mit einem kontemplativen Blick in die Zukunft durch Uriel, der die Menschen vor dem Wunsch warnt, mehr zu wissen, als sie wollen. Parallel dazu verschieben sich geistige und sinnliche Erfahrung. Bezeichnenderweise ist die Vor-Welt nicht mit "Das Chaos" überschrieben, sonder mit "Die Vorstellung des Chaos". Das Sein vor der Schöpfung entzieht sich gänzlich der sinnlichen Erfahrung, allein reflektieren kann eine Annäherung versucht werden. Dem steht das Liebesduett zwischen Adam und Eva (Nr. 32) diametral entgegen - dort werden Gottes Schöpfungen gefühlt, eingeatmet, sinnliche genossen.
Die Kantsche Unterscheidung von Erhabenem und Schönem (Kritik der Urteilskraft) begleitet die Verschiebung des Standpunktes. Sie findet hier ihren Niederschlag als Entwicklungsprozess - die drei Engel vermitteln klar zwischen Ausgangs- und Endpunkt - von der Naturgewalt des ersten Lichts bis zur Schönheit des Menschenpaares.
Für Haydn ergaben sich aus der Deutung der Schöpfungsgeschichte auch kompositorische Konsequenzen. Da ist insbesondere der Einsatz von tanmlerischen Mitteln zu nennen, eine Technik, die der ästhetischen Auffassung dieser Zeit eigentlich widersprach und häufig zur Kritik an der "Schöpfung" (noch mehr allerdings an den "Jahreszeiten") reizte. Johann Wolfgang von Goethe definierte das Wesen der Musik so: "Das Innere in Stimmung zu setzen, ohne die gemeinen äußeren Mittel zu brauchen, ist der Musik großes und edles Vorrecht." Auch Beethovens Anmerkung zur "Pastorale" - "Mehr Ausdruck der Empfindung der Malerei" - entspricht dieser ästhetischen Auffassung. Doch Haydn setzt das Verpönte bewusst ein - zu Unrecht sagt man ihm eine schlichte Unbefangenheit in Bezug auf Tonmalerei nach. Haydn beabsichtigt eine archaisierende Wirkung, die ein vom Menschen noch ungeformtes irdisches Dasein wiedergeben soll: so vor allem die Schilderung von Naturgewalten und ganz besonders in Nr. 21 die Nachahmung von Löwengebrüll, vom Herumwirbeln der Insekten und vom Kriechen des Gewürms. Die musikalische Imitation wird als Erfassen sinnlicher Eindrücke auf noch recht niedriger Ebene eingesetzt. Im dritten Teil mit der Erschaffung des Menschen tritt die Tonmalerei konsequenterweise zugunsten differenzierter kompositorischer Gestaltung in den Hintergrund.
Möglicherweise haben van Swietens Randbemerkungen bei der Einrichtung des Librettos das tonmalerische Element in Haydns Musik gefördert. Haydn hat van Swietens Notizen sehr ernstgenommen, etwa wenn dieser für den beginn des Oratoriums anmerkte: "In dem Chore könnte die Finsternis nach und nach schwinden; doch so, dass von dem Dunklen genug übrig bleibe, um den augenblicklichen Übergang zum Lichte recht stark empfinden zu machen. Es werde Licht & c: darf nur einmahl gesagt werden." Oder zum Terzett Nr. 18: "Zu diesen Strophen dürfte wohl eine ganz einfache und syllabische Melodie sich am besten schicken, damit man die Worte deutlich vernehmen könne; doch mag die Begleitung den Lauf des Bachs, den Flug der Vögel und die schnelle Bewegung der Fische malen." Dennoch muten diese Vorschläge fast trivial an gegenüber Haydns gewaltiger, durchorganisierter Konzeption, in der er den Widerstreit und die gegenseitige Ergänzung verschiedener Erfahrungsebenen entwickelt.
Neben die Tonmalerei tritt die Tonartsymbolik, die gerade im ausgehenden 18. Jahrhundert zum Gegenstand heftiger und weitverbreiteter Diskussionen wurde. Gezielt fängt Haydn verschiedenen Stimmungsbereiche in unterschiedlichen Tonarten ein; zu einem Topos für die weitere Musikgeschichte wurde der überwältigende Umschlag vom c-moll des "Einleitungschaos" zum alles überstrahlenden C-dur des Lichts (man denken nur an Beethovens c-moll-Symphonie!). Dieses C-dur kehrt wieder in Nr. 13 "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes", das inhaltlich direkt an den Beginn anknüpft, außerdem bei der Erschaffung des Menschen (Nr. 24, "Mit Würd´ und Hoheit angetan") und schließlich in Nr. 30, wo Adam und Eva der Schöpfung gedenken. Das menschliche Dasein ist also eng mit dem Strahlen des Lichts verknüpft. Ganz andere inhaltliche Bereiche stecken die "glänzende" Tonart D-dur (Nr. 10, "Stimmt an die Saiten"; Nr. 12 "Nun scheint in vollem Glanze der Himmel") und das eine tief empfundene Freude umreißende B-dur (z.B. Schlussfuge) ab. Zu nennen ist noch die E-dur-Einleitung des dritten Teils, die mit drei Flöten eine für damalige Klangvorstellungen einmalige, beinahe "sphärische" Wirkung erzielte. Hier wird das C-dur der Schöpfung sinnlich überhöht und der absolute Gegenpol zum c-moll des Chaos erreicht.
Unter kompositorischem Aspekt sind ferner Haydns merkliche Anspielungen auf Händelsche Techniken interessant, aber auch seine innige Beziehung zu Mozart findet in diesem Werk ihren Niederschlag. Mehr abstrakte, würdevolle feierliche Partien lehnen sich an die Kontrapunktik Händels an, beispielsweise die Schlusschöre zum Lobe Gottes. Nr. 12 "In vollem Glanze steiget jetzt die Sonne strahlend auf" scheint in der Erhabenheit seiner Einleitung - eine kontrapunktische Verarbeitung einer in ganzen Noten stufenweise ansteigenden Tonskala - bewusst oder unbewusst an die Musik Palestrinas und auch an den Charakter des "Symbolum Nicenum", des Credo aus Bachs h-moll-Messe, anzuschließen. Ganz anders sind daneben die Mozart-Adaptionen eingesetzt. Im Terzett Nr. 18 "In holder Anmut stehn", das nach der Aufforderung an die Lebewesen "Seid fruchtbar, wachset, mehret euch" folgt, finden sich Anspielungen auf Mozarts Arie "Reich mir die Hand, mein Leben" aus dem "Don Giovanni". Die Diesseitsbezogene Freude am Dasein verlangt eine andere Kompositionstechnik - dass Haydn gerade hier Anleihen bei Mozart macht, beweist überdies die außerordentliche Hochschätzung Haydns gegenüber dem schon verstorbenen Freund, dessen musikalische Mittel imstande sind, eine tiefgreifende Menschlichkeit in Tönen auszudrücken. Noch ohrenfälliger aber wird die musikalische Welt der "Zauberflöte" im Terzett Nr. 27 "Zu dir, o Herr, blickt alles auf" eingeführt. Hier wird menschliches Glück, die Vollkommenheit des menschlichen Daseins, solange Bescheidenheit waltet, besungen. Die musikalische Anknüpfungspunkte zum Terzett der drei Knaben "Bald prangt, den Morgen zu verkünden, die Sonn´ auf goldner Bahn" sind eindeutig. Melodische Führung, Instrumentation, die Tonart Es-dur und nicht zuletzt natürlich die inhaltliche Aussage stimmen weitgehend überein.
Die Einmaligkeit der Gesamtkonzeption, die die "Schöpfung" auszeichnet, ergibt sich gerade aus der Breite der kompositorischen Palette - von der Tonmalerei über bachsche Tiefe, Händelschen Glanz bis hin zur aufgeklärten menschlichen Empfindsamkeit eines Wolfgang Amadeus Mozart. Haydn übernimmt die unterschiedlichen Techniken nicht nur, um Abwechslung und Vielfalt zu gewährleisten, sondern begreift sich gleichzeitig als Prozess menschlicher Entwicklung: Die Schöpfungsgeschichte, das Werden zu Anderem und Höherem, schlägt sich so auch musikalisch in der "Schöpfung" nieder.

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Geistiger Umkreis
"Allmächtiger Gott, befreie uns von der Erleuchtung unserer Väter: führe uns zurück zur Einfalt, Unschuld und Armut, den einzigen Gütern, welche unser Glück befördern." Diese Worte des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau, der gerade die Emphase der Aufklärung beargwöhnte, dafür die Freiheit des Gefühls forderte, erinnern verblüffend an die Warnung Uriels vor dem falschen Wahn des Wissens.
Dass dem zweiten Teil mit dem Schlusschor "Vollendet ist das große Werk" noch ein dritter, "unbiblischer" folgt, der den Menschen innerhalb der geschaffenen Natur als freudig Genießenden und Beglückten schildert, muss als unerhörter Schritt gegolten haben. Diese diesseitsbezogenen Lebensfreude war dann auch einigen Kreisen der Kirche suspekt, die "falsche" Verlagerung des Gewichts witterten. 1801 konnte in der Kirche einer kleinen böhmischen Stadt eine vom Prager Konsistorium untersagte Aufführung nur unter abenteuerlichen Schwierigkeiten durchgesetzt werden. Haydns gewiss in gläubiger Geiste entstandenes Werk weist über klerikale Engen hinaus; die "Schöpfung" ist ein Bekenntnis zu sinnenfrohem Dasein, zu einem Leben, das Einheit und gegenseitige Abhängigkeit des Menschen als Geschaffenem zur ebenfalls geschaffenen Natur in den Mittelpunkt rückt. Dem Hyperrationalismus der französischen Aufklärung wurde ebenso wie dem primitiven Sensualismus ein Bild der gegenseitigen Beeinflussung verschiedener Erkenntnisschichten entgegengestellt. Diese Vermittlung von Natur und Mensch ist bis heute von zentraler Bedeutung geblieben.

Entnommen aus dem Begleitheft zur Doppel-CD
Haydn - Die Schöpfung --- Herbert von Karajan
Erschienen bei "Deutsche Grammophon 1983"

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